Weltnachrichten

Rios Gays und SympathisantInnen feiern


Heute war Parade der Schwulen, Lesben und Transgenderleute. Die Forderungen sind die selben wie in anderen Ländern: Gegen Diskriminierung, für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Rio ist Anziehungs- und Fluchtpunkt für Homo- und Transsexuelle aus ganz Brasilien und verfügt über eine gute queere Infrastruktur. Davon profitiert allerdings in erster Linie die Mittelschicht - arm und schwul oder vor allem transsexuell zu leben und zu lieben bedeutet immer noch verstärkte gesellschaftliche Ächtung.

Von dieser zeugen auch die Bezeichungen “bicha” (Tier) und “viado” (Vieh) - und vom gestiegenen Selbstbewusstsein der Schwulen die Tatsache, dass sie diese Bezeichnungen mittlerweile selbst verwenden. Dieses Selbstbewusstsein wurde auch bei der heutigen Parade lautstark und fröhlich zur Schau gestellt.



Was mir zu China einfällt…

haben mich die Salzburger Nachrichten gefragt und dazu heute ein ganzseitiges Interview abgedruckt: “Dieser Teufelskreis ist nicht schicksalhaft, sondern gewollt”

Bei der Gelegenheit konnte ich auch meine Forderung nach einer Süderweiterung der EU bis ans Kap der guten Hoffnung bzw. Norderweiterung der Afrikanischen Union bis Skandinavien im Jahr 2020 zur Sprache bringen.



Grosse Grössen

Das sympathische und auch politisch engagierte, auf Südamerika spezialisierte Reisebüro Viventura liefert in seinem Weblog immer wieder Infos, die man sonst nirgends zu lesen kriegt, zum Beispiel diese:

Ab kommendem südamerikanischen Frühjahr werden Kleidergeschäfte in der Provinz Buenos Aires per Gesetz dazu verpflichtet auch eine Auswahl an großen Kleidergrößen anzubieten. Dieses “Gesetz der Größen” gilt bisher nur für die Bekleidung Jugendlicher und soll dazu beitragen Essstörungen und den übermäßigen Schlankheitswahn zu bekämpfen. Geschäften die sich nicht an die Vorschriften halten drohen Geldstrafen oder sogar die Schließung.



Nie wieder Kapitalismus

“Alle, die heute mitmachen, werden dereinst auch wieder mitmachen, wenn es heißen wird: »Nie wieder!«” schreibt Robert Menasse in einem lesenswerten Beitrag für die Zeit über die scheinbare Unantastbarkeit des Kapitalismus:

“Stellt euch vor, Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hätten selbst Antifaschisten gesagt: ›Der Faschismus ist unaufhaltsam, die Entwicklung geht mächtig und eindeutig in diese Richtung. Unsere Aufgabe ist es daher, diese Entwicklung mitzutragen und uns für diese Zukunft fit zu machen!‹ – würden wir heute diesen Pragmatismus (der doch zweifellos Recht hatte) bewundern oder nicht vielmehr diese Willfährigkeit verachten?”

Anders gesagt: Wer heute nicht gegen den Kapitalismus und seine Proponenten in Regierungen und Konzernen auftritt, die uns den Massenmord an täglich rund 100.000 Menschen infolge von Hunger und Armut als Sachzwang verkaufen, wird sich einst fragen lassen müssen, warum er oder sie mitgemacht hat.



Arschtritte

Berlusconi tritt formell, Ecuadors Präsident Lucio Gutierrez nach Massenprotesten tatsächlich zurück. Papa Bento, wie er auf Portugiesisch heißt (klingt wie Trinkschokolade) tritt dankenswerter Weise dazu an, die Restkatholen ratziputz aus der Kirche zu verjagen. Und ein österreichischer Bundesrat tritt wieder einmal in die Nazischeiße (Wehrmachtsdeserteure seien “Kameradenmörder” und nach 1945 habe eine “brutale Naziverfolgung” stattgefunden), aber er und seine Erziehungsberechtigten dürfen im Amt bleiben.



Gefährliche Orte

Wenn hier über Gewalteskalationen in Rio berichtet wird erhalte ich manchmal besorgte Anfragen aus Österreich, wie man denn an so einem gefährlichen Ort leben könne.

In den vergangenen Tagen wurden in Österreich an drei verschiedenen Orten vier Menschen von jeweils mehreren bewaffneten Skinheads zum Teil krankenhausreif geschlagen. Eines der Opfer war ein Freund von mir, der Menschenrechtsaktivist Di-Tutu Bukasa. Gemeinsam ist allen vier, dass sie schwarz sind.



Polizisten ermorden 30 Unschuldige

Im Norden Rios haben Polizisten am Donnerstag innerhalb einer Stunde 30 Menschen wahllos erschossen, weil sie sich dafür rächen wollten, dass acht ihrer Kollegen verhaftet worden sind. Sie sind in Bars reingegangen und haben gezielt alle Anwesenden per Kopfschuss ermordet, darunter fünf Jugendliche, die in einer Bar Videospiele gespielt haben. Der Jüngste war 13 Jahre alt.

Präsident Lula hat eine Woche Staatstrauer ausgerufen. Wegen dem Pabst.



go.stop.act!

In der anarchistischen Trotzdem Verlagsgenossenschaft ist soeben das Buch go.stop.act! Die Kunst des kreativen Straßenprotests. Geschichten - Aktionen - Ideen erschienen, in dem politische AktivistInnen und KünstlerInnen Tipps zum Rebellieren geben.

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Carnival Against Capitalism - Karneval, Umzüge, Masken, verkehrte Welten
Laugh Parade - Öffentlich die Macht verlachen
Reclaim The Streets - Straßenparty kann auch Widerstand machen
Critical Mass - Wir sind der Verkehr
Theater machen! Politisches Straßentheater
Radical Puppetry - Wenn Figurentheater radikal wird
Radical Cheerleading - Akrobatik und subversives Reimen
Street Art - Symbolische Angriffe auf die Funktionalität der Stadt
Guerilla Gardening - Die Kunst wild anzupflanzen
Flash Mobs - Sinnbefreite Blitzperformances
Stolpersteine auf der Datenautobahn - Politischer Aktivismus im Internet

Zum Thema gibts auch zwei interessante Weblogs: kreativerstrassenprotest.twoday.net und kommunikationsguerilla.twoday.net.



Warum ich im Moment keine Emails beantworte

Ueber der Strasse vor meinem Haus spinnt sich ein Netz aus Kabeln: Strom-, Telefon- und die Signalleitung der Strassenbahn sind unuebersichtlich ineinander verquirlt. Da ist es leicht, den Ueberblick zu verlieren.

Seit einigen Tagen telefoniert wer anderer auf meiner Leitung. Oder niemand. Ich jedenfalls nicht. Irgendein Techniker der brasilianischen Telefongesellschaft Telemar hat den Ueberblick im Kabelsalat verloren, und seitdem ist mein Telefon tot - und ebenso mein Internetzugang. Bloed, dass ich gerade jetzt dringend fuer ein Buchprojekt recherchieren muesste.

Mich wegen sowas zu stressen hab ich mir inzwischen abgewoehnt. Was mich aber wahnsinnig macht, ist die Macht, die so ein Telefonkonzern ueber meinen Alltag hat. Die lähmende Macht der Matrix. Zuerst ist die Hotline einen halben Tag besetzt. Dann kommuniziere ich zehn Minuten lang mit einer Maschine (”wenn Sie ein Problem haben druecken Sie die 2, wenn Sie diese Frage noch einmal hoeren wollen druecken Sie die 3, wenn Sie nicht mehr koennen legen Sie einfach auf”). Dann befiehlt mir die automatische Stimme, von morgen 9h58 bis uebermorgen 9h58 zu Hause zu bleiben und auf den Techniker zu warten (”wenn Sie wollen, dass der Techniker erst in drei Monaten kommt, bitte schoen, dann druecken Sie halt die 4″). Gegen Ende der brav zu Hause verbrachten Zeit (endlich wieder mal Buecher lesen, endlich wieder mal selber kochen!) kommt der Techniker, steht ratlos vor dem Kabelsalat, kratzt sich am Kopf und sagt, das koenne nur der loesen, der das da verbrochen hat. Der wuerde in einer Stunde kommen. Einen halben Tag spaeter krieg ich einen Anruf von der Telemar dass jetzt der Techniker kommt. Am nächsten Vormittag kommt tatsaechlich ein Techniker, steht ratlos vor dem Kabelsalat, kratzt sich am Kopf und sagt, das koenne nur der Supervisor loesen. Der wuerde vermutlich noch heute abend kommen. Das war gestern. Heute hab ich bei der Telemar mittels der Tastenkombination 3-3-4-7-1-3-5 (”wenn Sie eine Frage haben, die nichts mit Ihrem Problem zu tun hat”) erstmals eine menschliche Stimme erreicht.

Ich bin grundsaetzlich dagegen, die Sklavinnen von Grosskonzernen zu beschimpfen. Aber manchmal kann ich nicht anders. Abgesehen davon, dass die Telefonsklavinnen wahrscheinlich eh Party haben, wenn ich auf Portugiesisch loslege. Ich sag dann Dinge wie “Und richten Sie dem gefickten Hurensohn von Geschaeftsfuehrer aus, dass ich ihm demnaechst in seinen Swimmingpool pisse” oder “Die Scheissaktionaere der Telemar sollen mal sehen wie es ist bei Regen den Bus zu versaeumen”. Aber hallo! Nicht mit mir! Die nehmen das übrigens auf Tonband auf, bei der Telemar (”wir weisen Sie darauf hin, dass wir Ihren Anruf aus Sicherheitsgründen aufnehmen”). Ich hätt davon gern ein Best of.

Inzwischen warte ich auf den technischen Supervisor und bitte um Verstaendnis, dass ich im Moment keine Emails beantworte.



Here to stay!

Das Filmfestival Diagonale hat heuer ein ambitioniertes Projekt gestartet: Unter www.dia-log.at wagt ein Team unter der Leitung von Araba Johnston-Arthur und Andrea Pollach die Auseinandersetzung mit antirassistischer Filmtheorie und -praxis.

Dort durfte ich endlich mal sagen was mich vom „Schwarzafrikaner“ unterscheidet.