Weltnachrichten

Selbstversorgung

Im Rahmen einer Demonstration gegen Arbeitslosigkeit und Ausbeutung wurde heute ein Kaufhaus am Rande von Rom geplündert. “Der proletarische Einkauf ist kein Verbrechen, sondern eine Art Streik”, erklärte dazu Luca Casarini von den Disobbedienti.

Ich denke, dass auch Slogans wie Geiz ist geil als Einladung zum “proletarischen Einkauf” zu verstehen sind.



Zweierlei Mass

Nach dem Tod von neun Franzosen bei Luftangriffen durch Regierungstruppen der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire) haben französische Soldaten am Wochenende die gesamte ivorische Luftwaffe zerstört. Heute brachte Frankreich 50 Panzer vor der Residenz von Staatspräsident Laurent Gbagbo in Stellung.

Gbagbo ist kein Guter. Er führt einen rassistischen Krieg im Namen der “Ivoirité”; da genügt es oft schon, einen Nachnamen aus Burkina Faso zu haben, um verfolgt zu werden. Das militärische Vorgehen der ehemaligen Kolonialmacht - angeblich auch gegen ZivilistInnen - treibt ihm allerdings auch moderate Kräfte zu und fördert den Ausländerhass in der Bevölkerung. Chirac tut dort das, wofür er Bush im Irak kritisiert.

Frankreichs Verteidigungsministerin Michele Alliot-Marie bezeichnete Zerstörung der ivorischen Luftwaffe als “angemessene Reaktion”. Man stelle sich vor, Truppen eines afrikanischen Landes würden Angriffe auf ein europäisches Land fliegen, weil es dort zu rassistischen Übergriffen gekommen ist… natürlich ist das unvorstellbar.

Nichts desto trotz halte auch ich internationale Militärinterventionen im Fall von drohendem Völkermord (wie vor zehn Jahren in Ruanda, vor den Giftgasangriffen Saddam Husseins auf die irakischen Kurden, in der DR Kongo, im Sudan oder eben in Côte d’Ivoire) für notwendig. Die Frage ist, wer das legitimiert. Der UN-Sicherheitsrat vertritt keine humanitären, sondern die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen seiner fünf ständigen Mitglieder (USA, UK, Frankreich, China und Russland). An der Elfenbeinküste geht’s vor allem um Kakao: Der Bürgerkrieg treibt die Preise in die Höhe (Kindersklaverei macht ihn billig, das hat den UN-Sicherheitsrat noch nie gestört).

Statt mit Kolonialtruppen französische Interessen zu verteidigen wäre es glaubwürdiger, diese Länder würden die Afrikanische Union mit den nötigen Mitteln ausstatten, diplomatisch, humanitär und, wenn nötig, mit bewaffneten Sicherheitskräften einzugreifen. Aber darum gehts wohl nicht.



Ein Toter und niemand schreit

gestern nacht bin ich ein paar bier trinken gegangen in lapa, dem fortgehviertel hier ums eck. so um vier uhr früh liegt da ein typ auf der straße, ungefähr 25, in einer großen blutlache. in einem kreis rundherum stehen leute, ganz nahe und fast bewegungslos. nichts passiert. er ist tot, er liegt da und ist tot, vor ein paar minuten muss er noch gelebt haben. erschossen oder erstochen, keine ahnung. die leute, viele leute stehen herum und nichts passiert. ich gehe weiter, will nach hause. wie die anderen wahrscheinlich auch bin ich froh dass nicht ich da liege.

nach einer halben stunde komme ich wieder zurück und der tote liegt immer noch da, in seiner blutlache. jemand hat einen müllsack über sein gesicht gelegt und einen auf seinen bauch, die müllsäcke sind viel zu klein um den ganzen körper zu bedecken. noch immer stehen leute herum und nichts geschieht. warum hält die welt nicht den atem an, warum schreit niemand vor verzweiflung, warum kommt keine polizei, warum bleibt alles wie es ist?

marco, mein mitbewohner, ist heute um zehn uhr vormittag dort vorbeigegangen. der tote lag immer noch dort, müllsack am kopf, allein. es macht eine furchtbare angst, wenn da niemand schreit vor verzweiflung.



Frauenmorde und Kinderarbeit in Mexiko

Angélica de la Peña, Abgeordnete der Partei der Demokratischen Revolution Mexikos und Vorsitzende der Kinderkommission sieht einen Zusammenhang mit dem Mord an Frauen und Kindern in Ciudad Juárez und der grassierenden Kinderarbeit in der dortigen Textilindustrie. In einem Interview mit der Zeitung El Universal zitiert sie die spanischsprachige Ausgabe des Schwarzbuch Markenfirmen, in dem “se mencionan a más de 50 marcas comerciales del mundo, como Adidas, Nike, McDonalds, entre otras, las cuales recurren a menores de edad para la maquila de sus productos o mercancías.”



Reality-based communities

US-Journalist Ron Suskind erzaehlt, was im ein senior adviser George W. Bushs erklaert hat:

“The aide said that guys like me were ‘in what we call the reality-based community,’ which he defined as people who ‘believe that solutions emerge from your judicious study of discernible reality’. I nodded and murmured something about enlightenment principles and empiricism. He cut me off. ‘That’s not the way the world really works any more,’ he continued. ‘We’re an empire now, and when we act, we create our own reality. And while you’re studying that reality - judiciously, as you will - we’ll act again, creating other new realities, which you can study too, and that’s how things will sort out. We’re history’s actors … and you, all of you, will be left to just study what we do.’”

Es wird Zeit, die Definitionsmacht ueber die Wirklichkeit zurueck zu erkaempfen. Mit den USA geht’s mir so ähnlich wie Robert Misik.



Das wird ein Gemetzel

Marie von den Wiener Gruenen macht die US-Wahl “fast so nervös wie eine österreichische Naionalratswahl”. Na du hast Nerven. Da koennte in Washington sonstwer an der Macht sein, wenn Oesterreich dereinst gruen wahlt ist die Welt wieder in Ordnung.

Ausgestattet mit dem hoechsten popular vote ever ist jedenfalls zu befuerchten, dass Bush noch mehr durchknallt und zum Beispiel Leute wie Chavez (zu demokratisch), Castro (zu sozialistisch) bis hin zu Lula (zu diplomatisch) ans Messer liefert. Oder kann es sein, dass die Fundamentalisierung der Fundamentalisierung von Corporate America einen erfolgreichen weltweiten Widerstand - sozusagen ab links von Chirac - hervorbringt?



Tranquilidade 2

João Pessoa ist die zu Unrecht relativ unbekannte Hauptstadt des zu Unrecht relativ unbekannten Bundesstaates Paraíba. Der Name stammt von João Pessoa Cavalcanti de Albuquerque, hiesiger Gouverneur der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, der sich mit den Worten “Nego!” (”ich bin dagegen”) gegen einen korrupten Deal des damaligen Praesidenten Washington (Luiz, nicht George) aufgelehnt hatte. Seitdem ziert das Wort NEGO die schwarz-rote Fahne Paraíbas, was irgendwie sympathisch ist (wenn man davon absieht, dass Pessoa danach Vizepraesident unter Diktator Getúlio Vargas wurde).

Sonst ist João Pessoa die oestlichste und gruenste Stadt Amerikas. Ausser sehr geilem Forró ist wenig los hier, was auch irgendwie sympathisch ist. Dafuer hab ich noch nie so viele Kliniken, Gesundheitszentren und Krankenschwesternschulen gesehen. Jedes zweite Haus ist eine Ordination.

Ich geh in die von einem Ophtalmologen (um auch dieses schoene Wort mal vorgestellt zu haben), weil ich seit zwei Wochen virale Konjunktivitis habe (Bindehautentzuendung, falls das wen interessiert) und schon fast nix mehr sehe. Er erkennt mithilfe modernster Apparaturen ein Herpesvirus (zusaetzlich zur Konjunktivitis, die auf Portugiesisch praktischerweise Conjuntivite heisst) und verschreibt mir ein Medikament eines multinationalen Pharmakonzerns, der im Schwarzbuch Markenfirmen voellig zurecht schwerster Menschenrechtsverletzungen bezichtigt wird, und siehe da, siehe da: ich sehe! Ok, ich gebe zu, mein Mitteilungsbeduerfnis schiesst gerade uebers Ziel hinaus, aber Konjuntivitis ist echt Scheisse.



Tranquilidade

Natal ist die Hauptstadt von Rio Grande do Norte. Es gibt dort eigentlich nix, ausser Direktfluege von Europa, weshalb der Sextourismus blueht (blueht? welkt?). Vor ein paar Tagen haben sie zwei Spanier verhaftet, weil sie mit 17jaehrigen aufs Zimmer gegangen sind. Zeitungen, Kirche und Politik beklagen genuesslich den moralischen Verfall. Ueber die oekonomischen Ursachen, die die Maedels, meist junge Muetter, auf die Strasse treiben, verlieren sie kein Wort. Viel verdraengte Traurigkeit allerseits.

Suedlich von Natal weicht die Tristeza der Tranquilidade. In Pirangi waechst der weltgroesste Cajú-Baum mit 10.000 m² Grundflaeche. Einmal Rundherumgehen sind 2,5 Kilometer! Noch weiter suedlich ist Pipa, da schwimmen die Delphine fast bis ans Ufer. Ich geh am Strand entlang und erreiche nach drei Stunden das Dorf Sibaúma, das vor Jahrhunderten von afrikanischen SklavInnen gegruendet wurde, die aus Angola versschleppt wurden und das Schiff gekapert haben.

Das Dorf mit seinen etwa hundert kleinen Huetten erinnert mich an Mosambik. Gleich beim Ortseingang bittet mich ein aelterer Herr in seine Huette aus rotem Lehm. Es gibt nur einen Raum, dessen Waende mit schoenen Meerestiermotiven bemalt sind.

Das Dorf ist der Frieden selbst. Kinder spielen auf der Strasse, freundliche Menschen rufen sich gegenseitig und auch mir freundliche Dinge zu, fahren Fahrrad und reiten kleine Pferde. Wenige Autos, weisser Sandstrand und Kokospalmen. Wenn ich mal auf Internet und den restlichen Halligalli verzichten kann, will ich hier leben. Es gibt kein Restaurant, nur einen kleinen Kiosk mit frischem Kokoswasser, Fleischbaellchen und Kuchen fuer insgesamt 30 Cent. Nach Pipa zurueck fuehrt nur der Schulbus.

Beim Einsteigen steckt mir ein Maedchen einen Zettel mit einer Telefonnummer zu: “Das ist von Alina.” Ich bitte den Busfahrer zu warten, soviel Zeit muss sein, gehe zurueck zum Kiosk, doch Alina fluechtet. Naja, vielleicht beim Naechstenmal.



Strasser goes Stalin

Als ob Ekel Strasser nicht schon genug Recht gebeugt haette; nach seinen dummen Ausritten gegen ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs vergisst sich der oesterreichische Unsicherheitsminister nun voellig.

Nach Recherchen der Wochenzeitung Falter versuchte der seelenlose Minimachiavelli kritische AsylanwältInnen ohne jeden stichhaltigen Beweis als kriminelle Schlepper vor Gericht zu stellen. amnesty international spricht von politischer Verfolgung.

Vor einem Jahr schrieb ich im Megaphon: “So gesehen könnte man fast sagen, dass der Innenminister, der für die Sicherheit dieses Landes verantwortlich ist, sich selbst zum Handlanger der Kriminalität macht.” Es wird Zeit, diesen Rechtsbeuger, Unmenschen und Demokratiefeind aus dem Amt zu jagen. Ebenso wie es Zeit wird, Fluechtlinge in Oesterreich vor dem Zugriff eines zunehmend gefaehrlichen Regimes zu schuetzen.



Besetzt


In Brasilien gibt es nicht nur Land-, sondern auch Hausbesetzungen. Sogar im Stadtzentrum von Rio sind vier Häuser besetzt. Eines davon haben wir heute besucht. Es gehört ausgerechnet der Landreformbehörde INCRA und steht seit 20 Jahren leer. In der Nacht auf den 23. Juli wurde es von 60 obdachlosen Familien in Besitz genommen. Die Incra fordert das Gebäude zurück, noch ist der Prozess im Gange. Die brasilianische Verfassung verpflichtet Grund- und HausbesitzerInnen zur Nutzung ihres Eigentums. Präsident Lula hat noch im Wahlkampf dazu aufgefordert, leerstehende Häuser zu besetzen. Nach offiziellen Angaben gibt es in ganz Brasilien 6,5 Millionen obdachlose Familien und fünf Millionen ungenutzte Immobilien. Doch von Regierungsseite gibt es keine Unterstützung.

Den HausbesetzerInnen geht um mehr als eine Wohnung: Sie arbeiten mit der Uni zusammen, um Müllrecyclingprojekte ins Leben zu rufen und damit Geld zu verdienen, erzählt der 39jährige Maciel Silva dos Santos. Er ist vor Jahren aus Pernambuco nach Rio zugewandert und lebte bis Juli auf der Straße. “Es gibt Studien, denen zufolge Rio jährlich 600 Millionen Reais (170 Mio. €) mit der Wiederverwertung von Abfällen einsparen und 25.000 Menschen beschäftigen könnte”, behauptet Maciel.


Die BewohnerInnen haben sich strenge Regeln nach anarchistischen Prinzipien auferlegt: Wichtige Entscheidungen werden in wöchentlich stattfindenden Versammlungen getroffen. Dort werden auch Konflikte geregelt. Alkohol und andere Drogen sind im Haus verboten. Alle Arbeiten am Haus, Ver- und Entsorgung, Essen, Kinderbetreuung etc. werden solidarisch organisiert. Jede/r stellt wöchentlich 20 Arbeitsstunden zur Verfügung, wer Geld verdient leistet einen Solidarbeitrag. Bis jetzt scheint das zu funktionieren, die Stimmung ist gut, aber es sind auch schon Mitbewohner wegen asozialen Verhaltens rausgeflogen.